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BaZ schreibt über den Auftritt von Gregor Gysi in Bottmingen: Der eloquente Gast aus dem Norden

BaZonline: Alex Reichmuth, 13.09.2019

Der deutsche Politiker und frühere SED-Chef Gregor Gysi gab in Bottmingen Einblicke in sein politisches, gesellschaftliches und privates Leben.

Gregor Gysi (links) im Gespräch mit dem deutschen Journalisten Hans-Dieter Schütt. Foto: Alex Reichmuth
 
 

Es war eine Demonstration an Wortgewaltigkeit, was die Zuschauer an der Veranstaltung der SP Bottmingen mit Gregor Gysi geboten bekamen. Der deutsche Politiker und Anwalt beleuchtete politische Vorgänge, kommentierte das Zeitgeschehen und ­lieferte Anekdoten aus seinem Leben – alles in einem Tempo und mit so viel Witz, dass das Schweizer Publikum die rhetorische Überlegenheit der Nachbarn im Norden wieder einmal vor Augen geführt bekam.

Gregor Gysi prägte als einer der markantesten deutschen Politiker der jüngeren Zeit vor allem die Jahre nach der Wende. Er war ab Ende 1989 Vorsitzender der DDR-Einheitspartei SED, der er seit 1967 angehörte, und anschliessend bis 1993 Vorsitzender der Nachfolgepartei PDS. Ab 2005 stand er für zehn Jahre an der Spitze der Fraktion der Linken, in der die PDS inzwischen aufgegangen war.

Gysi schilderte im Gespräch mit dem deutschen Journalisten Hans-Dieter Schütt, wie er 1988, anlässlich einer Reise nach Paris, zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder im Westen weilte – und dort staunend in einem Käseladen mit 300 Sorten stand. «Bei uns in der DDR gab es nur vier.» Dass er in den Pariser Restaurants frei wählen konnte, wo er sich hinsetzte – und nicht etwa platziert wurde –, war für ihn Ausdruck von Freiheit.

 

Pleite nach Museumsbesuch

«Etwas aber hat mich entsetzt: Dass ich nach der Metrofahrt und dem Eintritt in den Louvre, umMona Lisa zu betrachten, pleite war!» Wenn er in der DDR mit dem öffentlichen Verkehr zu den alten Meistern gefahren sei, so Gysi, hätten ihn Fahrkarte und Eintritt fast nichts gekostet. Bis heute treibe ihn um, wie man es schaffe, allen Kindern und ­Jugendlichen den gleichen ­Zugang zu Bildung, Kunst und ­Kultur zu gewähren. «Davon sind wir heute Milliarden Kilometer entfernt», rief Gysi in den Saal. Vom vorwiegend sozialdemo­kratischen Publikum gab es Applaus.

Gregor Gysi hat sich als Kritiker der deutschen Wiedervereinigung einen Namen gemacht. Es seien bei dieser Fehler gemacht worden, die sich bis heute auswirkten, bilanzierte er. «Man wollte, dass ganz Deutschland zu einem Teil Westeuropas wird.» Stattdessen wäre es sinnvoll ­gewesen, dass das Land eine Vermittlerrolle in der Welt angestrebt hätte. Die Bundesrepublik sei aber nicht bereit gewesen, auch nur an einem einzigen ihrer Symbole etwas zu ändern – sei es an Name, Flagge oder Nationalhymne –, trotz 17 Millionen neuer Bürger. «Die Bundesrepublik hat so sehr über die DDR gesiegt, dass sie nicht gewillt war, Dinge zu übernehmen, die im Osten besser organisiert waren», so Gysi. Er erwähnte etwa die Gleichstellung der Geschlechter in Ostdeutschland, die ärztliche Versorgungsstruktur und die Chancen in der Berufsbildung.

Grosse Fehler bei der Wiedervereinigung seien in Sachen Wirtschaft gemacht worden. Man hätte die Zahl der Konkurse und das Ausmass der Arbeitslosigkeit im Osten geringer halten können, zeigte sich Gysi überzeugt. «Wir haben vergeblich den Vorschlag gemacht, dass 1990 alle Unternehmen im Osten hundert Prozent der Lohnkosten als Subventionen vom Staat erhalten und diese Kostenübernahme jährlich um zehn Prozentpunkte sinkt.» Mit dieser Übernahme hätten die Unternehmen Zeit gehabt, ihre Produktion umzustellen und die Qualität zu verbessern. Westdeutsche Investoren hätten zudem nicht das Interesse gehabt, konkurrierende Werke im Osten zu schliessen, sondern hätten dank den Subventionen vielmehr überlegt, wie die Unternehmen zu retten und umzubauen seien.

Gregor Gysi führte den Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern direkt auf die wirtschaftliche Misere zurück, die bis heute andauere. «Die AfD nutzt aus, dass die sozialen Ängste im Osten doppelt so gross sind wie im Westen.» Auch sonst bekam die Alternative für Deutschland ihr Fett ab. Deren Slogan «die Wende vollenden» sei eine «Unverschämtheit», ärgerte sich Gysi, denn die Wende habe Mauern eingerissen, statt Mauern hochzuziehen wie die AfD.

 

Nicht mehr Protestpartei

Gysi schlug daneben selbstkritische Töne an. Die Linke habe den Status der Protestpartei an die AfD verloren. Das liege unter anderem daran, dass die Linke den Fehler gemacht habe, das «Ostthema» auf Bundesebene zu unterschätzen, stellte er fest, «weil wir uns als ehemalige PDS-Angehörige so gefreut haben, auch im Westen Anklang zu finden». Dabei zeigten Umfragen, dass der Linken noch immer die höchste Kompetenz in ostdeutschen Fragen zugetraut werde.

Gregor Gysi wurde auch auf seine Vorfahren aus dem Baselbiet angesprochen. Im frühen 18.Jahrhundert wanderte der Seidenfärber Samuel Gysin, der Stammvater seiner Familie, von Läufelfingen nach Berlin aus. «Heute müsste man ihn wohl als Wirtschaftsflüchtling bezeichnen.» Er habe übrigens neben schweizerischen auch jüdische, spanische und russisch-deutsche Vorfahren, ergänzte Gysi. «Wenn wir über Migranten reden, müssten wir zuerst selber nachforschen, wie wir entstanden sind.»